Gott wird Mensch in den Baustellen unseres Lebens

Da stehe ich. Mitten im Alltag. Unterbrochen von dieser Szene. Ich muss eigentlich weiter. Mit meinen sieben Sachen in der Tasche. Was habe ich dabei? Was brauche ich an der Krippe? Gold, Weihrauch und Myrrhe? Schuld? Scheitern? Die Liebe meines Lebens? Meine Ängste? Weihnachtsgeschenke? Abwartender, leicht skeptischer Blick. Was wollen die da? Flüchtlinge hinter dem Zaun. Eine Schwangere, eine mit Baby vor dem Zaun. Oder gehört sie zur Baustelle? Armes Baby im Dreck, arme Menschen auf der Flucht – Gott wird Mensch inmitten der Armut dieser Welt. Inmitten der Baustellen unseres Lebens. Mitten in meinem Leben…

Der Engel, Bote Gottes. Warum siehst du aus wie ein Handwerker aus der Nachbarschaft? Warum schaust du so nachdenklich? Was geht dir durch Kopf und Sinn? Überlegst du noch, ob du die Botschaft wirklich verkündest? Sie werden dir vermutlich nicht glauben: Gott als Mensch? Im Dreck? Im Alltag? Auf der Baustelle? Auf der Flucht? Das passt nicht! Sie wollen einen holden Knaben im lockigen Haar mit süßen Glockenklängen und Friede und Freude und… Sie wollen einen mächtigen Gott mit Glanz und Glorie, der auf dem Thron sitzt und für Gerechtigkeit und Ordnung sorgt. Einen der sich über perfekte Liturgie freut und sich in Dogmatik und Kirchenrecht auskennt. Sie werden dir deine Botschaft nicht glauben: „Fürchtet euch nicht!“ Es gibt so viel Grund zur Furcht, so viel Kälte und Not und Missstände – überlege es dir gut zu verkünden, dass die Liebe siegen wird…

Abgeschoben??? Ich war fremd und ihr habt mich abgeschoben? Wir haben doch selber keinen Platz, es gibt keine Herberge! Advent = Ankunft… Ein armseliger Baucontainer, gerade mal gut genug für Tiere. Wohin mit all den Menschen, die eine Herberge suchen, die sich nach Schutz und Sicherheit sehnen? Wir haben doch nicht genug Arbeitsplätze, Wohnungen, Rücklagen für Renten, Steuergelder… „Ich glaube, diese Welt müsste groß genug, weit genug, reich genug für uns alle sein…“ so sang einst Udo Jürgens, so singen auch wir, reich beschenkt von Weihnachten!

Unterwegs. Manchmal ist das Leben so anstrengend. Ich möchte ankommen, irgendwo zuhause sein. In einer Herberge, bei einem Menschen, geborgen wie im Mutterleib. Womit gehe ich gerade schwanger? Was treibt mich um, was treibt mich an? Welcher Esel hilft mir, das Gepäck meines Alltags zu tragen? Sehe ich, wer mir tragen helfen will? Kann ich meine Last jemandem anvertrauen? Einem Menschen? Gott? Wer ist bei mir? Wen kann ich begleiten? Wer packt zu, macht sich die Hände schmutzig, baut mit mir an den Baustellen meines Lebens? Advent = Ankunft. Ich möchte ankommen! Gott kommt an.

Da stehen die Hirten hinter dem Zaun. In Sicherheit? Distanziert? Auf Distanz gehalten? Umleitungen in ihrem Leben, das bis vor kurzem noch so ganz anders aussah… Fürchtet euch nicht, ihr Hirten! Kommt zur Krippe und seht, dass Gott einer von euch geworden ist! Jetzt seid ihr nicht mehr allein! Jetzt ist da ein Gott, der eure Not kennt, der selber auf der Flucht war, gefroren hat, keinen Luxus kannte. Ein Gott, der Armut und Elend kannte, der unverstanden war, der gelitten hat und sterben musste und weinte, wenn Menschen sterben mussten. Ein Gott, der sich im Innersten erschüttern lässt von dem, was dich erschüttert. Ein Gott, der Liebe ist, der Hoffnung schenkt, der Menschen zusammenführt. Der Menschen schickt, die dir helfen, dich ermutigen, dich lieben. Fürchtet euch nicht, Gott ist heruntergekommen! „Weihnachten: Gott ganz nah!“