Götzeidank

Freudentaumel in Deutschland, Weltmeistaaaaaaaaaaaaaaaa nach einer Nervenschlacht beim Finale, die neuen Helden Deutschlands sind wieder auf deutschem Boden! Wie lange wird diese Freude nachklingen? Mich beeindruckt ziemlich, wie die Menschen mitgefiebert haben und nun den Sieg zelebrieren. Als das erlösende Tor fiel, waren wir wegen der Anspannung und Müdigkeit kaum noch zum Jubel fähig – die Seele muss erst nachkommen. Und dabei hilft schon, wie die Deutschen zum Beispiel die Ankunft der Nationalmannschaft in Berlin feiern und am Fernseher mitfiebern. Bilder, die in Erinnerung bleiben werden, ein Leben lang. Eine Kultur des Feierns will gelernt sein, sie ist gut für die Psychohygiene.

Auch Abschied will begangen und gefeiert werden, auch Trauer, Sorge und Not müssen verarbeitet werden. Nehmen wir uns für unsere persönlichen Anlässe genug Zeit, um die Seele nachkommen zu lassen? Ich selber reflektiere gerne meinen Tag im Gebet, lasse ihn nachklingen, erzähle Gott von Schönem und Schwerem. Das ist nicht nur Psychohygiene, sondern auch tröstlich, weil ich meinen Tag in Gottes Hand gut aufgehoben weiß und auch Wünsche und Dank ein offenes und liebendes Ohr bei Gott finden.

Nehmen wir uns Zeit zu danken? Einem Gegenüber sagen, wie wunderbar alles ist? „Götzeidank“ oder „Gott sei Dank“? Die Fußballfans nehmen sich die Zeit, sie jubeln und danken. Und für viele Fußballer dieser WM haben auch der Dank an Gott und die Bitte um Beistand einen großen Platz. Wie viele haben ein Kreuzzeichen vor der Kamera gemacht, wie oft wurde der über allem thronende Christus in Rio im Fernsehen gezeigt – auf der facebook-Seite der Citypastoral Karlsruhe hat das Bild mit dem in schwarz-rot-gold getauchten Christus inmitten von Freude und Trostbedürftigkeit eine Reichweite von über 500 Personen!

Aber nicht nur der Freudentaumel, sondern auch die Verliererseite stand im Blick der Öffentlichkeit. Vor allem die Brasilianer, die auch nach der WM arm bleiben. Es gab viele Protest- oder Sensibilisierungsaktionen für die Schattenseiten der WM. Nicht um den Fans die WM zu vermiesen, sondern um auf die Missstände und die Kehrseite hinzuweisen. Mein Traum wäre, dass die Gewinner der WM den Verlierern etwas abgeben – so wie neulich beim Cocktail-Stop von Misereor: Fairgehandelte Cocktails trinken und das Geld den Straßenkindern in Brasilien spenden. Die WM ist vorbei, aber die Bankdaten von Misereor googlen oder im Weltladen einkaufen, können wir immer noch.

Lassen wir all das Schöne der vergangenen Wochen noch lange nachklingen und behalten auch die Verlierer im Blick, so tat- und finanzkräftig es uns möglich ist.

Antke Wollersen (mit freundlicher Genehmigung des WO am Sonntag)