Es geht mir durch und durch

Mensch- oder Christsein geht eigentlich nur, wenn ich von etwas oder jemandem berührt bin. D.h. dass zum einen Gott mich irgendwann in meinem Leben oder am besten täglich berührt und angesprochen hat und ich zum anderen das Leben und Leiden von Menschen an mich heranlasse. So nah, dass es mir durch und durch geht, dass ich im Innersten berührt bin. Die Einheitsübersetzung der Bibel nennt dieses Berührtsein “Mitleid haben”, was leider ein recht schwacher Ausdruck dafür ist, dass sich mir die Eingeweide umdrehen…

Dass mir etwas durch und durch geht, ist eines der Einfallstore Gottes in mein Leben: Er ist genau dann bei mir und auch spürbar! Begegnung mit Gott geschieht, wenn ich zum Nächsten werde, wenn ich jemanden ganz nah an mich heran und mich berühren lasse. Sowohl wenn es knistert und ein paar Schmetterlinge da sind als auch wenn sich aus Mitgefühl mein Magen umdreht. Das ist natürlich nicht nur schön, wenn es mit Schmerz, Sorgen und inneren Stürmen zu tun hat… Aber es ist ein Einfallstor der Gnade Gottes: eine Tür, durch die Gott in mein Leben kommen möchte. Lebendigkeit, Aufbruch, Berührbarkeit – das geht nicht ohne Schmerz, Risiko und manchmal auch Scheitern. Dennoch  ist es immer wieder durchzogen von beglückenden Erfahrungen und Begegnungen. Auch in (innerem) Feuer und Stürmen lässt Gott uns nicht allein!

Das ist das Geheimnis der Menschwerdung: Es gibt keinen Ort und keine menschliche Regung, die Gott fremd wäre. Und dass ich damit nicht allein bin, ermutigt mich immer wieder, mich auf menschliche Regungen einzulassen – wenn es mir durch und durch geht.

Allerdings auch nur wenn das so ist! Wenn ich wirklich innerlich berührt bin, möchte ich handeln. Aus reiner Pflichterfüllung und halbherzig kann echte Begegnung mit Notleidenden nicht geschehen. Wenn ich den anderen nicht nah an mich heranlassen kann, sollte ich ihn vielleicht lieber links liegen lassen und darauf vertrauen, dass einer kommt, der sich berühren lassen und wirksam helfen kann. Das ist entlastend: Ich muss nicht jedem helfen – aber ich sollte grundsätzlich berührbar bleiben, um nicht die Begegnung mit Gott und den Menschen zu verpassen. Auch in der Citypastoral.

Antke Wollersen, Pastoralreferentin