Abschied Antke Wollersen

“Ich habe mir als Lied für den Verabschiedungsgottesdienst u.a. Psalm 121 ausgesucht. Ihn möchte ich über diesen Stellenwechsel und Abschied stellen. Empor zu sehen und voller Sehnsucht auf den Beistand Gottes vertrauen, das ist eigentlich sogar eine Überschrift über meine ganzen 21 Jahre in der Pastoral und nicht nur über die 5 in Karlsruhe:

Keines der großen Projekte (wie die Baustellenkrippe, Kofferausstellung oder die Kirchenhütte auf dem Weihnachtsmarkt) hätte ich ohne die Gewissheit angehen können, dass ich einen Auftrag dafür nicht nur vom Dekan, sondern auch vom Hl. Geist habe. Und von der Stadt, die zunehmend die Citypastoral im Blick hat und uns zum Beispiel bei den Heimattagen oder der Designweek, der fairen Woche oder den Wochen gegen Rassismus anfragte und um Beteiligung bat. Ich deute solche „Zufälle“ gerne als Zeichen der Zeit: wenn eine Idee nicht an meinem Schreibtisch entsteht, sondern jemand auf mich zukommt und einen Vorschlag hat. Das war nicht nur bei den Großprojekten so, sondern auch die Mittagspause mit Eurythmie oder das spirituelle Frühstück sind so entstanden. Und was für ein Segen waren diese Begegnungen und die Tatsache, dass beim Frühstück oder auch bei der Ansprech-Bar oder den Coffee-Stops immer wieder Menschen kamen, die mit der Kirche wenig oder keine Berührungspunkte hatten. Ich sage bewusst mit der Kirche, denn mit Gott haben sie sie – ob sie es so nennen oder nicht.

Das ist für mich der Kern von Citypastoral: Nicht (nur) Gott in Form von Angeboten und Öffentlichkeitsarbeit in die Stadt zu bringen, sondern ihn in der City und im Leben der dortigen Menschen zu entdecken! Erfahrungen auf ihn hin zu deuten und (in Sternstunden) erfahrbar machen zu können, dass Gott unseren Fuß nicht wanken lässt und Sonne und Mond uns nicht schaden – wie es im Psalm heißt. Wie oft war ich dankbar und ergriffen wegen der Offenheit von Menschen im kirchenfenster, der Kirchenhütte oder zuletzt auf dem Hocker von „Erzähl mir was, ich hör dir zu“. Ich finde es so wichtig, Räume zu eröffnen, in denen Menschen so sein können, wie sie sind und sich nicht verstellen müssen. Von daher bleibe ich meinem Hauptanliegen treu, wenn ich jetzt in die Telefonseelsorge wechsle und dafür sorge, dass Menschen 24 Stunden täglich einen Ansprechpartner finden für das, was sie bewegt und belastet. Hier habe ich das schwerpunktmäßig im Bereich der Verkündigung gemacht, in Offenburg widme ich mich wieder stärker dem Grunddienst Diakonie und Menschen mit Brüchen im Leben.

Denn natürlich blendet die Sonne auch mal, der Mond verschwindet hinter Wolken, die Dunkelheit im Herzen nimmt überhand und Menschen fühlen sich nicht vor dem Bösen bewahrt. Der Psalm sagt ja auch nicht, dass es nichts Schweres im Leben gibt, sondern dass Gott nicht schläft und schlummert. Er ist da, auch in Gestalt von Menschen. Von den Ehrenamtlichen im kirchenfenster zum Beispiel. Diese Ehrenamtlichen zu begleiten und auszubilden (wir hatten in 5 Ausbildungskursen 25 neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen) – euch zu begleiten gehörte zu den Basics meiner Arbeit hier. Je mehr die Projekte zunahmen, desto mehr hat genau das gelitten und ich hatte weniger Zeit für euch. Das bedauere ich. Und umso stärker habe ich mich mit dem Schreiben der neuen Konzeption dafür eingesetzt, dass wir Verstärkung bekommen. Da jetzt Alexander Ruf eingearbeitet ist, wird das meiste auch weitergehen in der Citypastoral Karlsruhe. Das macht mir das Weggehen leichter.

„Was nehme ich mit, was lasse ich hier?“ ist eine Frage, die ich am Ende von Kursen oder Supervisionsprozessen gerne stelle (ich bin ja mit 4 Stunden pro Woche für Supervision und coaching in der Erzdiözese von meiner Arbeit freigestellt). Ich nehme mit die zahlreichen Gesichter von Ehrenamtlichen, Gästen, Kollegen*innen, Wiedereintretenden, Praktikantinnen, Passanten, Gottesdienstbesuchern – und von euch! Danke für alle Begegnungen und alle Unterstützung, für eure Geduld und eure Ideen, eure ermutigenden Worte und Offenheit! Ich nehme die Erinnerungen an die schöne Jubiläumswoche mit, in der wir das 10-Jährige im kirchenfenster gefeiert haben. Ich nehme das Logo mit, das dabei entstanden ist: in Sonnen- und Kreuzeserfahrungen den Menschen und Gott nah zu sein. Ich nehme Dankbarkeit mit für das, was sich am ökumenischen Kirchenstand auf der offerta in den letzten Jahren getan hat – wie wir Konflikte klären und dem Stand ein neues Design verpassen konnten. Ich nehme die stillen Momente in der Kontemplation mit und werde dienstags um 12:00 Uhr mit euch verbunden bleiben und meinen Alltag auch weiterhin unterbrechen lassen.

Und was lasse ich hier? Euch, und das macht mich traurig! Gerne lasse ich unlösbare Konflikte zurück, Missverständnisse und Hoffnungslosigkeit, wenn etwas zwischen uns stand und nicht besprechbar war.

Nun bleibt mir das Vertrauen, dass Gott euch und mich bei Sonnenschein und Dunkelheit behütet und mein Gehen segnet – und euch und die weitere Arbeit der Citypastoral hier in Karlsruhe!”

Antke Wollersen, Pastoralreferentin, Leiterin der Citypastoral Karlsruhe vom 01.09.2013 bis 31.08.2018